"Ich hatte nur den Gral vor Augen" - Der V. Cup
von Thomas Lorenzen

Der alte Mann stand alleine in der lichtdurchfluteten Halle und lauschte den Klängen von „three lions on a shirt“. Für einen kurzen Moment war er nicht der unwichtigste Mensch des Universums und dann ging er. Nach und nach füllte sich der ehrwürdige HPH-Dome und selbst die davor frierende Gestalt mit ihrem Eure-gute-Laune-kotzt-mich-an-Schild hielt die fröhlich herum-hopsende Menge nicht auf.
Traditionell eröffnete Jens Paulsen mit dem dritten Fackellauf seiner Karriere den fünften Cup und mit einem Blick vergewisserte er sich noch einmal des riesigen Plakates an der Nordseite: „Spiel ab, Jens!“ und etwas daneben: „Beweg Dich, Remco!“. Ein gutes Zeichen wie ihm schien. Das sollte er gleich Mone erzählen, aber erst einmal beendete er den Fackellauf.
Die Sieger des letzten Cups 96 I bestritten ebenso traditionell das Eröffnungsspiel, leicht nervös, denn die letztjährige Verachtung gegen-über Bierbäuchen hätte bei näherer Betrachtung die Glashaustheorie ins Spiel gebracht. Der Sieg wurde trotzdem errungen, erste Station überstanden. Da es ja auch um Fußball ging, hatten die Genies dieser Welt so ihre Pläne geschmiedet. 91 II, noch erster der ewigen Tabelle, hatte die Idee, den Torschützenkönig vom letzten Cup ins Tor zu stellen. Da machte Arne Kobarg zwar eine gute Figur, doch reichen sollte es nicht. Nur ein geschossenes Tor bedeutete das Aus schon in den Gruppenspielen. Das Fehlen Ralph Carstensens und des HSV-Liberos Sascha Behrens machte sich stark bemerkbar. Sven Jacobs, schon frustriert genug, wurde dann auch noch von Remco und Jens zu der Person gewählt, die sich am meisten über den Cup geärgert hat. Zum Ausscheiden hinzu kam noch der Kontakt mit Ulf Seeck; dieser, immer das Ziel vor Augen, Schiedsrichter des Turniers zu werden, entschied in einer strittigen Szene gegen Sven auf Elfmeter. Sehr zu Ulfs Bedauern war das dann nicht der erste gegebene Elfmeter der Cup-Geschichte. In die Ewigkeit einzugehen, ist nun mal ein schwieriges Unterfangen und sollte auf gar keinen Fall den Amateuren überlassen werden. Die ewigen Träume der 94er nach einem Pokalerfolg enden für gewöhnlich im Halbfinale, doch diesmal - das sollte Frank Christiansen den zweiten Platz in der Liste der Menschen, die sich am meisten über den Cup geärgert haben, einbringen - diesmal flog man schon in der Vorrunde raus und Konsequenzen wurden diskutiert. Leider hat die Redaktion kein U-Boot in dieser Truppe, doch nach der Mann-schaftsbesprechung, kamen die neuen Konsequenzen in die Öffentlichkeit: Zwei Mannschaften zu bilden wäre besser. In der Liste der blödesten Theorien ein glatter 12. Platz.
Da wendet man lieber den Blick hinab in die Niederungen des Cupspielplanes. Während der Käpt´n wenigstens bei seinem unbedeutenden Anschlußtreffer, aber erstem Cuptor den Gral vor Augen hatte (O- Ton), mußte der Spezialist für die unbedeutendsten Geschehnisse der Fußballgeschichte, Thomas Lorenzen, erst den Spielplan manipulieren, zwei der gegnerischen Mädels umrennen, um dann nach zahllosen Pfostentreffern und dem ständigen Scheitern an der bril-lanten Torfrau Inga Levsen, ungefähr vier Sekunden vor Schluß den 4:0 Endstand herzustellen. Später kam dann noch der dritte Platz in der Krüger- und Paulsen-Liste hinzu. 91 I, die erfolgloseste Mann-schaft der Turniers hatte damit zum ersten Mal gewonnen und Hajo Holst den ersten Hattrick geschossen. Der Preis war hoch: Die Aufgabe des Publikumslieblingdaseins an die reine Mädchenmannschaft 96 III. Die war neu und mutig stahlen sie als Bravehearts den Fans die Herzen. Wen interessieren da noch Tore?
Den Blick weiter umherschweifend erkannte man kleine Details. Die 86er waren immer noch arro-gant und die 90er dazu erkoren in der Todesgruppe zu scheitern. Das Los hatte sie hart getroffen, selbst Dietmar Millert konnte sein obligatorisches Tor nicht schießen. Okke Christiansen pfiff dann auch das Spiel gegen die 95er nach nur fünf Minuten wieder ab, ob das an den jungen Frauen lag, die sich mit ihm unterhielten oder mit der Schlechtigkeit des Spieles begründet war, niemand kannte die Antwort. Okkes Mannschaft mußte sich dann auch in derselben Gruppe den Paulsianern 93 II ge-schlagen geben, und konnte nach Hause fahren. Gegen Timo Dohles Torinstinkt kam niemand an.
Und während Axel F. noch überlegte, ob Gott rund sei, war man die letzte Chance los. Keines seiner wunderschönen Tore sollte wichtig sein. Letztendlich hätte er doch lieber Fahnen aufhängen sollen, das ist eine gute Beschäftigung. Die 96er hatten es mittlerweile ins Halbfinale geschafft, wo man auf eben jenes 93 II Team traf. Remco stand statt vor dem gegnerischen im eigenen Tor und sollte dort seine Qualitäten beweisen. Das andere Halbfinale bestritten 92 I und der 11. Jahrgang, eine Söldnertruppe aus allen Teilen der Schule, nur Regelmißverständnisse erlaubten dieser Formation durch die schulinterne Qualifikation am Cup teilzunehmen. Die 92er hatten zwar mal wieder drei Mannschaften angemeldet, doch trotz aller Flüche der Organisatoren, reduzierten sie die Teams auf zwei. Da auch das eine Art Traditon ist, nimmt man es nur noch hin. 93 II siegte dann gegen den Vor-jahres- und nun Exsieger mit 2:0, und die anwesenden Reporter, Timo Appelles und Florian Krieg vorne-weg, fanden keine Erklärung mehr für das Schußglück des Timo Dohle. Einig war man sich nur darin, daß ein Glückselch ein Fan-Denkmal nicht ersetzen kann. Der erste Finalist stand damit fest und das Publikum erwartete nun das 92 I den 11. Jahrgang vom Platz fegt, doch nichts kommt so, wie man es erwartet und dank des überragenden Andreas Müller-Rode, siegten die jungen Spunde mit 2:0. Die mangelnde Erklärung des 13. Jahrgangs, warum man AMR nicht haben wollte, manifestiert sich in einem soliden 7. Platz der blödesten Ideen.
Für Glenn Ray wäre die Gelegenheit wohl günstig gewesen, doch ebenso wie seit Jahren ein Video der ganzen Cupaufzeichnungen versprochen wird, wartet das fachkundige Publikum schon seit langem auf sein Buch „23 Intrigen beim Cup“. Die Zeit läßt uns hoffen. Finale. Während beim ersten Cup gerade noch einmal vier Zuschauer da waren, die vermutlich nur auf ihre Mitfahrgelegenheit warteten, tobte es jetzt in der Halle. Der längste Cup aller Zeiten, und doch harrten die Fans aus. Man hatte ihnen das Ausharren einfach gemacht, Veras Café war in der kleinen Halle eingerichtet worden. Und was auch immer die Menschen hielt, der Kaffee, das Bier, das eventuelle Treffen auf die Liebe des Lebens, Vera Kuntschigs Liebreiz oder die ansehnlichen Beine einiger Spieler, es war eine gute Atmosphäre.
Das Ganze wurde dann von den Ereignissen in den Umkleideräumen überschattet. Die Duschen waren zwar nicht kalt, wie im Jahr zuvor, doch stand das Wasser dank einer zugefrorenen Pumpe dort nun knöcheltief hoch. Jörn-Michael Klein versuchte noch mit einem einzigen Feudel der Wassermassen Herr zu werden, vergebens. Zurück zum Spiel. Schnell führte 93 II mit zwei Toren Vorsprung, doch ließen langsam die Kräfte nach und Tobias Krieg erzielte den Anschlußtreffer. Tim Otto schoß noch am Tor vorbei, das aber bei weitem nicht so leer war, wie bei der Gelegenheit Torben Eggers. Ersterer hielt beim Schlußpfiff den Pokal in der Hand, letzterem blieben nur die Alpträume in der Nacht. Ein würdiger Sieger und mit ihm hatte zum erstenmal eine Mann schaft zum zweitenmal den Cup geholt. Den Statuten nach bedarf es noch eines Turniersieges und der Pokal gehört ihnen. Dem stehen allerdings 15 siegenwollende Teams entgegen.
Wird Timo Dohle dann erneut Torschützenkönig werden? Sehen wir wieder zwei Tore von Marcus Möller? (Erst eines für die eigene Mannschaft und dann im zurücklaufen ins eigene Tor zu schießen, das war wirklich zu dumm.) Vielleicht wird ja auch die Tradition der first-goal-parties erweitert, oder dem Redakteur fallen einmal wirklich witzige und gute Sätze ein. Wer weiß? So viele Möglichkeiten, Hoffnungen, Wünsche. Einiges werden wir nicht in zehn kalten Wintern realisieren. Alles? Ein Schurke, wer so denkt. Sonntag für Sonntag trainieren wir, mit hoffender Seele der Wiederkehr. Sie kommt, am 26.12.1997.

 

(aus der Ehemaligenschrift III)