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Der VI. Cup
von Thomas Lorenzen
Es war wieder
mal ein Jahr vergangen, indem ich all meine Träume begrub. Sie lagen gut
zwischen dem Rock´n´Roll und Helmut Schön, doch konnte es das gewesen
sein? Und so machte ich mich auf zu dem jährlichen Spielen um den Hans-Peter-Hansen-Wanderpokal
am zweiten Weihnachtstag. Er findet in meiner alten Schule statt und lockt
hunderte von merkwürdigen Menschen herbei. Nein, sie sind nicht merkwürdig,
sie sind verrückt. Merkwürdige Menschen sammeln Gartenzwerge und Schwalbennester.
Verrückte sind Leute, die an Zeitmaschinen bauen, um in die verklärte
Vergangenheit im Kollektiv zurückzukehren oder die als Beiprogramm zu
einem Fußballturnier einen Ableitungswettbewerb organisieren, an dem eigentlich
immer nur zwei Leute teilnehmen. Das sind meine Freunde und ich mag sie.
Man trifft auf den Käpt´n, der einst beim Einschwenken in die Pausenhalle
seinen Koffer bis zur Treppe curlte. Ziel war, unter den fragenden Blicken
seiner Mitschüler, ihn stehend möglichst dicht an die Kante zu bringen.
Oder Thomas Grund und Florian Krieg. Das letzte Mal sah ich die beiden
94’er, als sie im Morgengrauen auf einer Party in Berlin mit drei Stühlen
die Reise nach Jerusalem spielten, und die Melodie selbst dazu sangen.
Irgendwie hätte mir das zu denken geben sollen. Natürlich hätte es das.
Aber am zweiten Weihnachtstag akzeptiere ich auch eine runde Erde, schluchzende
Matratzen und schwebende Granitblöcke.
Das sich mythische Legenden um den „Gral“ genannten Pokal bilden, der
im wesentlichen aus Stein, ein wenig Metall und viel Plastik besteht ist
für mich dann ebenso verständlich, wie die Ablehnung der bislang erfolgreichsten
Mannschaften 91 II und 93 II, den Gral zu behalten, sollten sie ihn das
dritte Mal gewinnen. Diesen Vorschlag der Organisatoren verwarfen sie,
drohten an nicht mehr anzutreten und ließen sich gerade noch den Kompromiß
entlocken, den Pokal in diesem Falle sofort zurückzustiften. Ist das für
manchen Leser nur irgendein Popanz, so ist es für uns die Welt. Sie wollen
plausible Erklärungen? Sätze, die mit „ganz einfach“ anfangen? Oh, Ihr
Narren, erkennt Ihr nicht die Dimensionen des Ganzen? Wir sind wie kleine
Kinder, den Tränen schon bei einem geschossenen Tor nahe, uneinsichtig
allen familiären Wünschen gegenüber.
Finn Krieger beispielsweise hatte soviel Spaß mit seiner weihnachtsmannmützentragenden
Mannschaft, daß er der Bundeswehr androhte, sie dieses Jahr unter Fahnenflucht
zu verlassen, sollte er nicht frei bekommen. Und es soll Teams geben,
die im Grunde nie gewinnen, die haushohe Niederlagen einstecken und jedes
Jahr zurückkehren, sich auf den Platz stellen, um jungen Spunden hinterherzulaufen,
von denen sie auch noch verhöhnt werden. Es sind komplett Wahnsinnige.
Es würde mich überhaupt nicht erstaunen, sie bei der nächsten Revolution
in vorderster Front zu sehen. Und Sie könne mir vertrauen, ich werde an
ihrer Seite stehen. Ob an der Wand oder davor, überlasse ich dem Schicksal.
Die Fähigkeit zu träumen ist ihnen noch gegeben. Zumindest an diesem Tag
vergessen sie ihr normales Leben. Und da ist es doch angenehm zu sehen,
daß sich niemand verändert. Das sie all ihre Marotten und ihr Irrsein
noch in sich tragen und sie nicht für ein wenig Spießigkeit verkauft haben.
Sie lachen miteinander, nie über ihre Träume. Und mancher gute Abend handelt
nur von den Siegmöglichkeiten beim Cup.
Die Finstersten unter ihnen haben gar dem König von Tonga vorgeschlagen
seine Nationalmannschaft zu stellen. Die verzweifelten Gesichter mancher
jungen Dame, wenn dieses Thema fällt sind ganz ganz furchtbar. Und die
Versuche sie aus den Klauen der Fußball- und Königsein-Dialoge zu retten
scheitern meist im Ansatz. So sehr wir uns wünschen Helden zu sein, hier
sind sie auf sich allein gestellt. (Bei einem angreifenden Drachen zeigen
wir aber selbstverständlich unsere wahre Seite). Aber auch dieser unser
Lieblingstag geht zuende. Ich sah wie Lars Ziegner den Ball aus einem
Meter am Tor vorbeischoß, und es wie aus Trotz, nur um es uns zu zeigen,
auch gleich wiederholte. Ich sah die 95er, die gut spielen, aber wieder
gegen den späteren Sieger verloren. Und den alten Fackelläufer - Jens
Paulsen - der auch dieses Jahr mit seinem Saufkumpan Remco-hier-bin-ich-der-Chef-Krüger
eine Liste derer aufstellte, die sich am meisten über den Cup geärgert
haben. Und wie immer gewann Sven Jacobs vor Frank Christiansen und Thomas
Lorenzen. Mein Schlaf ist gesichert, wenn all diese Dinge geschehen sind.
Auch wenn eine Oberstufenmannschaft ungeschlagen das Finale erreicht und
selbst dort nur im Elfmeterschießen bezwungen werden konnte. Von den alten
91ern, die, obwohl z.T. gestandene Fußballer, bis weit über ihre Grenzen
gehen mußten, um noch mitzuhalten. Der Kräfteverbrauch war zu hoch und
so wollte auch niemand sich dazu bekennen, wer nicht mehr konnte und wer
nicht mehr wollte. Unter dem Jubel des Publikums feierten die schon als
morsch verschrieenen Herren ihren Triumph. Schiri Remco Krüger ließ seine
Autorität spielen und einen Elfmeter wiederholen, der dann auch prompt
verschossen wurde. Es zeigt die Klasse der Mannschaften, daß nur 3 von
10 Elfmetern verschossen wurden, einige Jahre zuvor entschied ein einziger
Treffer im Shoot-out das Finale. Den Hinweis über schreckliche Anglismen
in der deutschen Sprache erspare ich Ihnen jetzt. Und ich habe auf einen
Haufen Statistik verzichtet, da dieses im letzten Text so oft moniert
wurde. Sie fühlen sich schon als Sieger? Endlich auf der Spitze der Welt?
Irrtum, guter Freund, denn ich habe noch etwas. Nach langen Pizzaabenden,
an denen alle verfügbaren Videos ausgewertet wurden ist sie nun da, die
ewige Torschützenliste! In meinem Geiste jubeln die Menschen und in New
York hagelt es Konfettiparaden. Das ist vermutlich auch das einzig schöne,
was die Amerikaner je hervorgebracht haben. Nein, Florian, Liv Tyler zählt
nicht, ich will Pathos, nicht...
(aus der
Ehemaligenschrift IV)
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