„Weißt
Du wieviel Sternlein stehen? “
Die
Jubiläumsspiele um den X. Hans-Peter-Hansen-Cup
von Michael Cabron Pahl
Der
28. Dezember 2001. Ich bin wieder in Hamburg. Draußen regnet es in Strömen. Der ideale Tag, um schön zu Hause zu bleiben und
Weihnachtsgeschenkdankeskarten zu schreiben.
Ich schneide
lieber Stoffsterne aus. Siegessterne. Die bügeln wir uns auf unsere
Trikots. Grün sind sie, unsere Trikots. Wie die Hoffnung. „Hurrafußball!“
steht drauf. Quer über die ganze Brust. Den wollten wir spielen. 10
Tore in 5 Spielen, 4 verwandelte Elfmeter im Halbfinale. Aber auch 5
Dinger kassiert, und einmal 0:2 hintengelegen. Hurrafußball?
Letztendlich
haben wir gewonnen. Gesiegt. Triumphiert. Den Cup geholt. Den Pott ergattert.
Den „Gral“ errungen. Jan sagte „da freust Du Dich das ganze Jahr
auf den Cup, und auf einmal ist er schon wieder so schnell vorbei“.
Da hat er recht. Wie war das noch?
Der Fackellauf hatte
Symbolwert: eigentlich war alles wie immer, und doch war alles anders.
Die Fackel drehte ihre altehrwürdige Runde, dazu die Walküre von Wagner,
das Gesicht des Läufers aber war ein neues. Nämlich das von Tim Binge.
Ob eines der in den nächsten Jahren folgenden Gesichtern da mithalten
kann, darf bezweifelt werden.
Und
dann hätten wir an diesem eigentlich der Freude vorbehaltenen Tag auch
gerne darauf verzichtet, unseres Freundes, Weggefährtens und ehemaligen
Cupsiegers Frank und seiner Frau Danni zu gedenken, die sich vor kurzem
entschieden, freiwillig aus dem Leben zu treten. Thomas nahm die unangenehme
Aufgabe auf sich, uns alle noch einmal an unseren Verlust zu erinnern
und Trauerflor an viele zu verteilen, die ihre Trauer auch während der
Spiele zum Ausdruck bringen wollten.
Die später anstehende
Aufgabe, diejenigen zu ehren, die jetzt bei allen 10 Cups dabei waren,
machte Thomas sichtlich mehr Spaß. Und uns natürlich auch. 10 Jahre Cup... 10 Jahre Kampf und Tränen, 10 Jahre
der Triumphe und Niederlagen, der strahlenden Sieger und der stillen
Helden, aber vor allem 10 Jahre der Wiederbegegnung mit alten Freunden.
Ein gleichmäßig wiederkehrendes Ritual, fast so eine Art Familienfeier,
auf die man sich aber im Gegensatz zu richtigen Familienfeiern schon
Wochen vorher freut. Und an die man sich im Gegensatz zu richtigen Familienfeiern
noch Wochen später gerne erinnert. Und die Tatsache, daß da auch viele
am Spielfeldrand sitzen, die gar keinen Fußball spielen, und sich teilweise
auch gar nicht dafür interessieren, läßt uns erahnen, daß es um das
Fußballspielen in erster Linie gar nicht geht.
Das ist schön.
Denn dann muß uns nicht bange sein, daß dieser Cup auch noch ein bißchen
weiterbestehen wird.
Den meisten
von Euch brauche ich nicht zu erzählen, daß unter den Geehrten auch
ein Mann war, der nicht nur bei allen 10 Cups dabei war, sondern auch
davor und danach. Ich erzähle es Euch aber trotzdem. Er hat aufgebaut
und aufgeräumt, organisiert und geplant, er hat sich gekümmert und geschwitzt,
und wenn Wogen der Empörung, der Beschwerden und der überschwenglichen
Freude auf ihn einbrandeten, verlor er nie Geduld und Freundlichkeit.
Nahm das Ganze statt dessen jedes Jahr wieder auf sich. Der Cup ist
sein Baby, und ohne ihn wäre daraus kein 10jähriger, dicker Schreihals
geworden, der uns alles Jahre wieder zusammenruft. Dafür bekam er von
uns einen Schokoladenkuchen geschenkt. Mit zehn Kerzen drauf. Kerzen
reimt sich auf Herzen. Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.
(Einbauen:
Photo Thomas mit Kuchen)
Vom
sportlichen Geschehen weiß niemand wirklich alles zu berichten, da Mann
und Frau (und Kind) einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner spielfreien
Zeit im benachbarten Weihnachtswunderland verbrachte. Und dort hatte
die Live-Übertragung aus der Halle einer Sega-Fußballspiel-Konsole weichen
müssen, was die Qualität der auf dem Bildschirm dargebotenen Partien
zwar erheblich steigerte, den Informationsstand über das Geschehen in
der Halle aber ebenso drastisch minderte. So wurde der Legendenbildung
mal wieder Tür und vor allem Tor geöffnet.
Als Neuerung
wußte übrigens auch das integrierte Larsensliebelüttenland zu gefallen,
das von dankbaren Eltern gern in Anspruch genommen wurde. Auch Tottistechniktroubleshooting
war gefordert, als dem Cafe die Luft, sprich der Strom ausging. Und
wie hätten wir ohne die sündigen Kirschwaffeln den Tag überlebt? Wahrscheinlich
dünner und fitter.
Was also ist
von der Vorrunde hängengeblieben? Daß die vom Staatsbankrott gebeutelten
Argentinier ihrer Nationalmannschaft keine Flugtickets mehr bezahlen
konnten und stattdessen aus Nordfriesland stammende Spieler mit ihren
Trikots tarnten, die aber schnell als Abi 99 I identifiziert werden
konnten. 91 I, die ihr erstes Spiel durch ein Tor von Hajo gewannen
und Thomas schon davon träumen ließen, das zu verwirklichen, was er
mir angedroht hatte für den Fall, daß wir uns im Finale sehen würden.
Es war da von Fußballstiefeln mit Stahlspitze, versohlten Ärschen, lebenswichtigen
Organen und Bierdeckeln die Rede. Daß ich es trotzdem erleben darf,
diesen Artikel der Nachwelt zu hinterlassen, dafür werde ich 91 II ewig
dankbar sein, die in einem packenden Bruderduell Thomas und seine blut-
und punkterünstige Horde stoppten. Auch wenn Hajo selber nur knapp dem
Tod entging, als er auf dem Weg zum 1:1 Opfer des vor Urzeiten auf dem
Raucherhof erfundenen „TF 2000“ wurde.
Auch Meike-Müller
Rode blieb hängen, und zwar nicht nur mit ihrer Mannschaft (Abi 96)
in der Vorrunde, sondern auch in unseren Köpfen -
als SpielerIn des Turniers. Ihr Spielverständnis – unerreicht.
Hätte den meisten Mit- und Gegenspielern gut zu Gesicht gestanden. Auch
der deutsche Sprachschatz erlebte einen großen Tag, und als die Sonne
in der Au versank, legte er sich, um ein paar hübsche neue Flüche reicher,
zufrieden schlafen.
Und dann war
da noch ein gelb-hemdiges Gespenst in den Reihen der zweimal siegreichen
97er, dessen Name auszusprechen niemand GRUNDlos wagte – womöglich würde
es sonst wieder gewinnen.
Die wirklichen
Knaller waren aber einige „Endspiele“ in den einzelnen Gruppen:
Wir zum Beispiel
hatten unser erstes Spiel gegen Abi 96 knapp mit 3:2 gewonnen. Ein ganz
ungewohntes Gefühl, hatten wir doch die Jahre zuvor die erste Partie
immer vergeigt, unser Nicht-Weiterkommen damit frühzeitig besiegelt
und den Rest des Tages dem Punschkonsum gewidmet. Auf einmal war alles
anders! Darauf stießen wir jetzt aber erst einmal mit einem Punsch an!
Letztendlich
stellte sich die Konstellation in unserer Gruppe vor dem letzten Spiel
so dar, daß es theoretisch zu einer Punkte- und Torgleichheit aller
Teams hätte kommen können.
Kam es aber
nicht. Warum und wieso, weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau, aber
ein Unentschieden gegen Abi 94 würde uns zum Weiterkommen reichen. Die
94er dagegen mußten gewinnen. Böse Erinnerungen an das letzte Jahr wurden
wach, hatten uns doch eben diese 94er in Gestalt von Florian Krieg im
ersten Spiel in der allerallerallerletzten Millisekunde noch ein 0:1
reingedrückt, unser Nicht-Weiterkommen damit frühzeitig...undsoweiter.
Ich sage nur Punschkonsum. 2 glückliche Fügungen verhalfen uns aber
zu einem 2:0-Sieg und dem Einzug ins Halbfinale: Erstens war der Gegner
mehr „Brand“ als „gefährlich“, denn Henning hatte sich im Vorfeld als
Schnaps-Selbstpanscher betätigt und dafür gesorgt, daß seine Mitspieler
(=unsere Gegner) mit einem teuflischen Gemisch aus Gin, Himbeersaft
und werweißwasnoch im Blut das Feld betraten. Und zweitens wartete dort
Axel, dem eine gute Fee während der Spielpause in einer dunklen Ecke
der Umkleidekabine leise und unbemerkt die zweite Jugend geschenkt hatte.
Das dazugehörige
Sauerstoffzelt vergaß sie leider.
Das 91er Bruderduell
wurde ja schon erwähnt. Aber nicht, daß 91 II deswegen mit drei Siegen
und 11:3 Toren souverän ins Halbfinale einzog. Wie jedes Jahr. Glaube
ich.
Und auch in
der Gruppe Klostermann ging es hoch her, denn die Zweite der 93er um
„Beweg-Dich-Remco“ und „Spiel-Ab-Jens“ kamen nur aufgrund des besseren
Torverhältnisses weiter. Die Handballer von Abi 92 hatten das Nachsehen,
da die sieglosen 99er bis zum Ende kämpften und sich „nur“ mit 2:3 geschlagen
gaben. Als letzter Halbfinalist qualifizierte sich schließlich Abi 98,
eine Mannschaft, die bisher vor allem durch Hausbesetzer-Qualitäten
beim Einnehmen ihrer Stammplätze im Cafe und lauthalses Verbreiten guter
Laune zu gefallen wußte. Zwei Siege, ein Unentschieden, und der größte
„Oho“-Effekt des Tages.
Das Lachen
blieb ihnen jedoch zwischenzeitlich im Halse stecken, als sie im Halbfinale
von 91 II mit 4:0 abgefertigt wurden. In diesem Spiel fiel außerdem
das kurioseste Tor des Tages. Sven Larsen verwandelte eine Ecke direkt.
Und wurde für so viel Frechheit am Ende auch noch mit der Torjägerkrone
belohnt. Der heilige Arne-Axel-Zyklus war damit endlich durchbrochen.
Hoffnung für den Rest der netzenden Menschheit.
Da unser Spiel
gegen Abi 94 das letzte aller Gruppenspiele war, und die Spielpause
somit kurz, bestach unser unmittelbar folgendes Halbfinale gegen die
93er durch seine mitreißende Lustlosigkeit und ansteckenden Ermüdungserscheinigungen.
Ein 0:0, das sich seinen Namen redlich verdient hatte. Siebenmeterschießen!
Jan als unser Torhüter erbat sich den ersten Schuß und versiebte prompt.
Doch dafür hielt er auch die letzten beiden Bälle. Naja, hielt....lenkte
sie glücklich an diverse Pfosten oder darum herum. Aber egal, denn alle
anderen trafen. Und das konnte nur eines bedeuten: wir waren jetzt so
müde, daß wir im Finale keine Chance haben würden...
Die dreimaligen
Cup-Sieger von Abi 91 hatten derweil auf der Bank gesessen und uns die
Daumen gedrückt, weil sie sich uns als Finalgegner wünschten. Das hätten
sie lieber sein lassen sollen.
Bevor aber
die mächtigen Fußballgötter angerufen wurden, einen neuen Herrscher
der Halle zu küren, wurde der dritte Platz zwischen Abi 93 II und Abi
98 ausgeschossen. Um den geneigten Leser ein wenig zu fordern und unauffällig
auf unsere überaus spannende Statistiksparte hinzuweisen, müßt Ihr da
nun selber nachgucken, wie das ausgegangen ist.
Wir versuchten
jetzt, mit der vorher bereits erwähnten Kuchenübergabezeremonie an den
großen Organisator noch ein wenig Zeit zum Durchatmen zu schinden, aber
wir fanden vor Remcos Pfeife keine Gnade. Na, dann also rein ins Verderben.
Aber ich würde
ja jetzt keine Stoffsterne ausschneiden, wenn wir nicht irgendwie gewonnen
hätten. Ein Lehrvideo-reifes Tor von unserem Gast-Holländer Wirjan bescherte
uns das 1:0. Da mußte sogar Sascha vom gegnerischen Team applaudieren.
Und für soviel Respekt hatte er sich den ihm später zugesprochenen Fair-Play-Pokal
redlich verdient. Jonas (Gastspieler auf Seiten der 91er) schubste uns
allerdings mit einem der dämlichsten Gegentore der Cupgeschichte schnell
wieder von der Siegerstraße in den Graben. Und da wäre unser Karren
vielleicht auch liegengeblieben, wäre Jonas nicht ein Gentleman der
alten Schule, darum bemüht, sein freches Abstaubertor irgendwie wieder
gutzumachen. Und so verlängerte er eine Flanke von Axel mit dem Hinterkopf
ins eigene Tor. Das ist Pech. Aber er konnte später über seine 2 Finaltore
(immerhin...) auch selber lachen. Das ist gut.
Die Tormaschine
Arnigol und Saschman setzte alles daran, uns doch noch die ersehnte
Ausgleichsbude ins Nest zu legen. Die Bude fiel auch – aber auf der
anderen Seite. 3:1. Und kurz darauf reihten sich die 91er in die lange
Reihe derer ein, denen Remcos Pfeife die ganze Grausamkeit des Seins
vor Ohren führte.
Abpfiff.
Damit war auch eine uralte Frage endlich geklärt: in welchem Jahr hat
der Fußballgott eigentlich sein Abitur gemacht? Ganz offensichtlich
1992. Die holländische Fußballehre war gerettet, und ein
still lächelnder Sascha ließ sich ein “na, ist doch o.k. so” vernehmen.
Wie in den Vorjahren auch, ging ein friedliches Finale mit Umarmungen
zwischen beiden Teams zu Ende. Deren Trauerflor fand einen neuen Platz
auf dem Deckel des Pokals, Ehrenrunden wurden gedreht, virtuelle Triumphbögen
durchschritten, Fototermine wahrgenommen, Pressekonferenzen abgehalten,
Werbevorverträge abgeschlossen und Kickerkarrieren für beendet erklärt.
Und
Bier wurde getrunken. Aus dem Gral. Ob das auch ewiges Leben verleiht,
oder ob das Ganze nur mit Wasser funktioniert – in 70 Jahren wissen
wir mehr.
Und apropos
ewiges Leben, Gral und so - kommt folgende Aufstellung der Lebensziele
einer Fußballmannschaft nicht auch aus der Bibel? „Einen Baum pflanzen. Einen Sohn zeugen. Den Gral gewinnen“.
Und
das mit dem Sohn kriegen wir auch noch irgendwie hin.
Siegessterne
sind eine feine Sache. Erst einmal auf dem Trikot angebracht, sehen
sie nicht nur unheimlich schick aus, sondern machen einen Cupgewinn
für den immer noch ungläubigen Sieger endlich greifbar. Sie wecken auch
die Sammlerlust. Also nicht nachmachen...
An alle, die
ihr Glück dennoch versuchen wollen - wir sehen uns im nächsten Jahr.
Und Eure Chancen stehen gar nicht so schlecht, denn auch nach 10 Jahren
konnte noch niemand den Gral verteidigen.
Bis
dann. Ich hol jetzt mein Bügelbrett.
Die
Statistik findet sich hier.